Freitag, 11. April 2014

2 Chainz - I'm Different

Der Mittelfinger reicht mir nicht





Er konnte all den Menschen, die den exzessiven Vampirismus als Religionsersatz lebten, den dahin siechenden, modernden Menschen einer kranken Gesellschaft nicht einfach nur den Mittelfinger zeigen.  Denn einzigst und allein der Mittelfinger reichte längst nicht mehr aus. Den Menschen musste einer, musste er den ganzen rechten Arm ins Gesicht halten. Eine G..., G..., Gestik die sie verdienten, die sie verstanden. Eine Faust, ein Arm, einzigst und allein eine Bewegung, geschwungen aus der Schulter heraus, das war dass  was ihnen gebührte. “FUCK YOU!“   Für diese wunderschönen zwei Worte gab es auch leider kein passenderes Bild, als das in seinem müden, vom Wein durchtränkten Kopf. Er sah es immer und immer wieder. Er sah sie, er sah sich und er sagte wieder und immer wieder: “FUCK YOU!“  Herrlich und befreiend, nicht nur der Geschmack auf der pelzigen Zunge, herrlich und befreiend war die Vorstellung von dem was er wirklich dachte und in zwei einfache Worte fasste. Schön wenn man der sein konnte der man in Wirklichkeit war. Anstrengend und zermürbend jedoch, wenn man der sein musste, den man selber einfach nur hasste. Verständlich? Wohl kaum! Aber wahr, bis auf den letzten Tropfen.



Freitag, 21. März 2014

Er konnte...




So nun war es endlich so weit. Er hatte Zeit, viel Zeit. Denn sein Arbeitgeber, die Institution, dessen Label, weiß auf rotem Hintergrund, er ganz nah an seinem Herzen trug, hatte ihn freigestellt. Andere Kolleginnen und Kollegen mussten tüchtig werken, wohingegen er sich getrost zurücklehnen konnte.

Nun konnte er sich diesem hier vorliegenden Text widmen. Er konnte sich um sich und seine Familie kümmern. Er konnte sich mit Freunden und Bekannten treffen. Er konnte all seine Erlebnisse der vergangenen Wochen hernieder legen. Er konnte einen Samen in fruchtbaren Boden pflanzen. Er konnte abwarten und zuschauen wie der kleine Samen in jenem fruchtbaren Boden keimt und eine wundervolle Pflanze gen strahlend, blauen Himmel wächst. Er konnte seine Augen schließen und dem lieblich klingenden Gesang der Vögel lauschen. Er konnte beobachten wie die kleine Meise der Krähe am Elsterbrunnen einen wunderschönen guten Morgen wünscht. Er konnte dem Klang des seicht dahinplätschernden Baches lauschen und dabei konnte er das sich seit Ewigkeiten drehende Mühlrad beobachten. Was er aber an dieser Stelle des Textes nicht mehr konnte, er konnte nicht mehr „er konnte...“ schreiben.

So und nun ließ er sich von der Klippe fallen. Er fiel steil ab und tauchte ein. Er spürte das erfrischende Wasser auf seiner nackten Haut. Er tauchte wieder auf und er wusste, dass er nun endlich Urlaub hatte.

Mittwoch, 19. März 2014

Danny Macaskill - Industrial Revolutions

Der Urlaub vor der Vergessenheit




Urlaub. Sein wohlverdienter Urlaub rückte nun immer näher. Er wusste wie schnell der kleine Urlaub, das kurze Aufatmen wieder vorbei sein würde, doch er wusste auch: „Wer Arbeitet und schier endlos erscheinende Wegstrecken zurücklegt, der muss auch wieder  zur Ruhe kommen.“ Er freute sich auf seinen Urlaub und dachte schon darüber nach, was er an seinen freien Tagen alles machen würde.

Erst einmal “Chilli-Vanillie“ und dazu ein Erdbeereis im “Cafè am Park“.

Er dachte über die Muse nach und schwelgte in Urlaubsphantasien als plötzlich das rote Telefon klingelte. Als sich schlagartig, von dem einen Moment zum anderen Moment, alles änderte. Nach dem Telefonat zog er sich hastig seine abgetretenen Schuhe an, warf sich seine schwarze Lederjacke über seine müden Schultern und verließ das Haus. 

Er ging und kam nie wieder.

Verschluckt von den schmutzigen Straßen seiner Heimatstadt und seither ward er nie mehr gesehen.

Dienstag, 18. März 2014

Deplatzierte Ängste



Die Zeit, rasend schnell die Straße herunter, um den Kreisverkehr herum, dahineilend, bereitete ihm Angst. In einem Land in dem kein Krieg herrschte, ein Land in dem man nicht wirklich hungern musste (es sei denn, man ist einem falschen Schönheitsideal verfallen, das einen von innen nach außen zerfrisst) und trotzdem wurde man von stetig wachsenden Ängsten heimgesucht. Es war eine verrückte Zeit, eine entrückte Welt in der er lebte.


James Bond oder Hans Jürgen?



Mea culpa“, sagte die eine Stimme. Die andere Stimme jedoch sagte: „Nein, du bist nicht schuld.“ Er tat alles nur Erdenkliche und noch sehr viel mehr. Er überschritt ohne nachzudenken Grenzen, wuchs über sich selbst hinaus und dabei wurde ihm bewusst, dass er nicht der MI6 Agent namens Bond, James Bond, sondern der Altenpflegeschüler namens Hans, Hans Jürgen war. War er wirklich Hans Jürgen, hatte er nicht auch noch einen anderen Namen? Wer war er wirklich? Hatte er nicht auch noch ein anderes Leben gehabt? Schlicht und ergreifend, manchmal vergaß er es. 

Der Baustellenlärm, das Verstummen der Vögel, der Smog, welcher Art auch immer, und mitten drin, auf einer matschigen Verkehrsinsel, stand er.  Die Angst vor dem Zubettgehen, etwas Wichtiges vergessen zu haben, den Anforderungen nicht zu entsprechen, einen Fehler, oder vielleicht sogar einen Doppelfehler im niemals ruhenden System übersehen zu haben, raubte ihm seinen Schlaf.

Einen Blick nach draußen wagen


Und wenn er an seinem, ihm gewohnten Arbeitsplatz, in seinem heimischen, vertrauten Umfeld saß, wenn er tagträumend aus dem Fenster blickte, dann hätte er weinen können. Da half selbst ein frisch gebrühter Kaffee mit “polnischem Milchschaum[1]“ nicht, da half selbst die wohlklingende Musik im Hintergrund nicht, nichts munterte ihn auf, gab ihm Trost. Er hätte einfach nur da sitzen können, den lieben langen Tag lang, traurig in den Tag hinein träumen und weinen. 

Die Baustelle, schweres Gerät, zwei angsteinflößend große Kräne und dazu noch ein Höllenlärm. Wie die Franzosen zu sagen pflegen: “ Un bruit infernal!
Und wenn er an all die pflegebedürftigen, gut betagten, mitten im Herbst ihres Lebens stehenden Menschen dachte, wenn er die Rollstühle mit abgenutzten Sitzkissen, die Stiftung Warentest getesteten, dreckverkrusteten Rollatornen in den Hauseingängen sah, wenn er dem Gevatter Tod in seine stahlblauen Augen blickte, dann hätte er weinen können.


Doch anstatt zu Weinen, stand er auf und wurde aktiv.




 [1]Polnischer Milchschaum: eine spezielle polnische Schaum-Schüttel-Technik. Es wird ein letzter Schluck Milch im TETRA-PACK (bei verschlossenem Drehverschluss) sehr stark geschüttelt und anschließend über den frischen Kaffee  gegossen. Diese Technik wurde erstmals von einem polnisch angehauchten Herrn Z. angewandt. Der polnisch angehauchte Herr Z. ist ein stadtbekannter, besonders sympathischer Schaumschläger.

Kraftwerk - Robot

Sonntag, 16. März 2014

Nicht ausgesprochen, nur geschrieben





An erster Stelle stand lange Zeit das Schreiben. Ganz oben in der Liste war das ihm vertraute Symbol für das Schreibprogramm. Ein Programm welches er lange Zeit benutzte um sich Luft zu verschaffen. Er tippte alles nieder was ihm schwer auf seinem Gemüt lastete, so verschaffte er sich bis zum nächsten Tag, bis zur nächsten Anreihung, wirr aneinander gereihter Worte, Erleichterung. Der Zustand des Schreibens beflügelte ihn. So dass er über alles hinweg flattern konnte. Er konnte im Gleitflug, über all die Sorgen des Alltags hinweg fliegen. 


Er Flog und er stürzte. 


Heute fragte er sich: „ War es früher wirklich sehr viel einfacher?“ So einfach, oftmals lustig, er war sich sicher, wirklich schön war es noch nie. Es war nicht schön vom Teufel getrieben und gehetzt zu werden. Es war nicht schön das Leben der Anderen zu leben. Wie dem auch sei, immerhin hatte er gelebt. Immerhin hatte er es überlebt. Heute war er sich sicher, auf manch spektakuläres Ereignis aus längst vergangenen Tagen, hätte er getrost verzichten können. Er fragte sich: „Lebe ich wirklich?“ Es überlebt zu haben, erschien ihm manchmal wie ein Wunder. Kein Wunder ohne Wunden. Wunden, schmerzhafte Wunden hatte er davongetragen. Manchmal erinnerten ihn die Schmerzen längst vergangener Tage an die grauenvollen, angsterregenden Züge eines abscheulichen Gesichts, welches ihn noch heute aus dem Spiegel heraus anschaute. Es sah ihm tief in sein weiches, verwundbares Ich hinein, es betrachtete und belächelte ihn, es folgte ihn in seine Träume. Der Gehörnte, scharrte im staubigen Sand mit seinen Hufen. Das Unaussprechliche ging an manchen Tagen ganz dicht an ihm vorbei, so dass er fühlte, die Hitze, so dass er sah die züngelnden Flammen des ewigen Leids.


Wieso er so schrieb wie er schrieb? Wie er denn so heiter am Tage und so tief betrübt in der Nacht sein konnte? Wie ein Feuerwerk der Gefühle in seinem Kopf, auf viele Antworten fand er mit einer gewissen Leichtigkeit eine Antwort, doch auf diese nicht. 


Vielleicht war er schlicht weg beschränkt, vielleicht wollte er nicht wissen wer oder was sich hinter dem dunklen, schweren Vorhang versteckte, vielleicht wusste er es aber auch längst schon. Die Wahrheit war, er hatte ganz gewiss keine klare Vorstellung von der Vorstellung, den wahren Dramen auf den weltgrößten Bühnen dieser Welt.

Freitag, 7. März 2014

Am Morgen in der Früh




Wach, und doch träumend. 

Die Sinne geschärft, so scharf wie ein tief schneidendes Fleischermesser, oder stumpf, wie ein stumpfer Hobel. Die Gedanken weit abgeschweift. Seine beflügelten Gedanken flatterten vorbei, so wie die wiederheimkehrenden Störche am morgendlichen, noch dämmrigen Himmel.

Träumend, und doch wach.

Die letzten Träume einer sehr kurzen Nacht geisterten wie rastlose Seelen durch ein Geisterhaus am dunklen Waldesrand. Durch die scheinbar endlosen Windungen seines gerade erst erwachten Gehirns, spukte ein Gedanke, der ihm unheimlich war.

Ein Hirn, unterteilt in zwei Hälften, lag gleich neben dem tief schneidenden Fleischermesser auf einer blitze blank polierten Edelstahl-Arbeitsplatte. Eine weiche Masse, außerhalb seines gewohnten Umfeldes, eher ekelhaft anzuschauen.

Er saß in der Früh, viel zu früh, und trank einen zu stark mit Honig gesüßten Salbei-Tee, eingehüllt in eine wohlig warme Decke. Er saß am Ufer eines mit Nebelschwaden überzogenen Sees. „Dort unten...“, so dachte er: „ ...schläft ein uralter Wels. Tief, tief am schlammigen Grunde des Sees. Und wenn der Wels erwacht, ausgeschlafen und hungrig, frisst er den lieben langen Tag lang, all die versunkenen Sorgen jener Menschen, die in Kummer und Leid ertrinken.“   

Wild, hungrig durch die Wälder ziehend, im Traum. Gestorben und wieder auferstanden. Ewig rennend, im Hier und im Jetzt. Mal war er die Beute und mal war er der Jäger, in jedem Fall war er das Tier.

Es gibt die Einen und es gibt die Anderen. Er wollte weder an die Einen, noch an die Anderen denken. Doch sein Hirn, das Räderwerk, getrieben von fein verzahnten Zahnrädern, getrieben von Ängsten und Aggressionen, sowohl gegen den Einen, als auch gegen die Anderen. All die Gesichtslosen, halb verwesten, manchmal hetzten sie ihn durch die dunkle Nacht, bis hinein, in den frühen Morgen. 


Sonntag, 19. Januar 2014

EDDIE MURPHY feat Snoop Lion aka Snoop Dogg - "REDLIGHT"



Abdriftende Gedanken



Es roch nach Obst, nach Zitrusfrüchten, in seinem Büro, welches er nicht als Büro nutzte, in seinem Hotelzimmer, welches er nicht als Hotelzimmer nutzte, in seiner Klosterzelle, welche er nicht als Klosterzelle nutzte. Er war kein Schreibtischtäter, der nichts anderes kannte als seinen unaufgeräumten Schreibtisch. Er war kein Reisender, der von einem Hotelbett in die nächste Milbenbrut hüpfte. Er war demnach auch kein Mönch, der in völliger Abgeschiedenheit des Nachts allein auf der kalten Fensterbank sitzend, salzige Tränen vergoss. Er war er, denn er war so wie er war. Leicht verwirrt, stets hilfsbereit, mal eindeutig, mal zweideutig und immer sympathisch drein blickend

Das Zimmer am Stadtrand, es war ein Zimmer von 130 Zimmern im Appartement-Haus.

Verteilt auf drei Etagen war sein kleines, angemietetes Zimmer ein überraschend ruhiger Raum, in dem man gut für die Schule und für das Leben lernen konnte. Hier hatte er auf beengten Raum viel Platz für sein ganz persönliches, klitze kleines Rückzugswort geschaffen. Hier konnte er ungestört orientierungssportlich aktiv werden. Hier hatte er viele neue Menschen, in ihren Territorien, viele neue Eindrücke, viele, viele neue Geschichten gehört und selbst miterlebt. So wurde er zum Teil eines verrückten, komplexen Baus, dessen Stil er als abstoßend, gleichzeitig aber als sehr funktionell empfand.

Es war eine Zeit des Aufbruchs.

Es war eine Zeit des Gehens, der rastlosen Schnelllebigkeit. Diese Zeit, die beim näheren Betrachten, schief, an einem wackligen Nagel an der Wand hing, lag nun hinter ihm.

Er roch diesen süßen Zitrusfrüchteduft und er wusste: "Es ist vorbei."

Mit all seinen schönen und erschreckend hässlichen Momenten, war es nun endlich vorbei. Das Jahr der Schlange neigte sich dem Ende zu. Die Schlange hatte großes Unheil angerichtet, sie hatte ihm fast das Leben geraubt, heruntergeschlungen und am Wegesrand wieder ausgeschieden. Und wenn er sich zurück erinnerte, so wusste er, dass ein Ritt auf der Schlange extrem reizend und extrem aufregend war. Ganz, ganz tief im Innern, konnte ein heißer Schlangenritt für einen sehr kurzen Augenblick ein aufflammendes Freudeempfinden sondergleichen wecken. Dieses Erlebnis, er wusste es, war so unvergleichlich schön. Und wenn er sich zurück erinnerte, so wusste er auch, dass dieses Erlebnis keinen Ferien auf dem Ponyhof glich. Es war wie es war, es war gefährlich und eignete sich auch nicht für Kindergeburtstage.

Umso mehr freute er sich auf das bevorstehende Jahr. Er freute sich auf einen ungesattelten Ritt auf dem Pferd. Im bevorstehenden „Jahr des Pferdes“, würde er mit dem Erfahrungsschatz des vergangenen Jahres über rote Blumenfelder der aufgehenden Sonne entgegen reiten. Und würde er unterwegs noch einmal der Schlange begegnen, so würde er mit nur einem Hufschlag des glückbringenden Pferdes, die Schlange töten.  
     


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Er vergaß die Zeit



Er vergaß die Zeit und kam verspätet. Total verschwitzt stand er am Bahngleis 3.

Am Gleis stand er mit einem Strauß verwelkter Blumen, stand dort ganz allein, den Tränen nahe. Er hatte wie so oft in seinem Leben die Zeit vergessen und sich verspätet. Dort stand er eine ganze Weile, verschwitzt, mit schwermütigen Gedanken, die auf seiner tief schwarz gefärbten Seele lasteten. Kühl wehte ihm der Wind ins Gesicht, seine Hände zitterten, seine Muskeln verkrampften sich. Statuengleich stand er frierend am Bahngleis 3 und zündete sich mit der im Wind tanzenden Flamme seines Sturmfeuerzeugs eine todbringende Zigarette an. Rauchend, mit einem Strauß verwelkter Blumen in der Hand, fröstelnd, inhalierend. Er inhalierte den stinkenden, schwer nikotinlastigen Rauch einer zügig herunter brennenden Zigarette, tief, tief in seine Lunge.

Er dachte sich: „Sie ist fort, von dannen."

So war es. Sie war fort, von dannen und in jenem Augenblick ganz weit weg.

Beim Verlassen des Hauptbahnhofs mit ganz besonderem Antischarm, beim Vorbeigehen schmiss er den Blumenstrauß in einen schwarzen Plastiksack, in einen der rein öffentlichen Mülleimer. Beim Vorbeigehen sprach ihn ein Superheld, verkleidet im Pennerkostüm an:

Hey, Junge, haste mal...


Natürlich hatte er, wie so oft, nicht einmal mehr eine müde Mark im Portmanie. Völlig ausgebrannt lief er hastig, den Blick auf den Boden gerichtet, an einem stark alkoholisierten Superhelden vorbei, er lief wie so oft, einfach vorbei.

Verpeilt, ziellos, begleitet von trüben Gedanken, lief er durch die hochfrequentierte Einkaufsstraße. Am Brunnen, direkt vor der Kirche spielten drei kolorierte Roma ein heiteres Tanzlied. Unmittelbar vor ihnen blieb er stehen und zündete sich erneut eine Zigarette an. Rauchend, den grauen Qualm ausstoßend fing er an zu tanzen. Er hüpfte und drehte sich, er drehte sich und hüpfte. Leute blieben stehen, es bildete sich eine Menschentraube. Belustigt, in die Hände klatschend vernahm er sogar ein lautes Kinderlachen und dabei fühlte er sich wie ein alter, alter Tanzbär am Rande, am Rande des Wahnsinns.   



Donnerstag, 16. Januar 2014

Sonntag, 24. November 2013

Ich gehe durch den Regen



Ich gehe durch den Regen, durch die Kälte, durch die leeren Straßen am Sonntagmorgen. Ich kann mit Stolz und voller Würde sagen: "Dies ist meine Heimat, meine Stadt, hier gehöre ich hin." Ich gehe durch das eine Viertel in das andere Viertel. Vorbei an den geschlossenen Läden, den beschlagenen Schaufenstern. Ich gehe vorbei an dem kurdischen Vereins-Haus, es ist ein Hinterhaus-Kaffee auf der rechten Seite nach dem Kreisverkehr. Direkt gegenüber blicke ich durch einen Türspalt und sehe die Sizilianer Rome, auf filzbespannten Tischen spielen. Nur zwei Straßenblocks weiter, vor einem halben Jahrhundert das Armeleuteviertel, gibt es noch einen niedergelassenen Italiener, die Italienische-Espresso-Bar. Italien ist in dieser regenverhangenen Stadt sehr stark vertreten. Doch nicht zu vergessen, und auf alle Fälle erwähnenswert, sind die Albaner, welche man auch an der Espresso-Bar antrifft. Alle trinken sie Kaffespezialitäten oder schwarzen Tee aus der Kanne. Alle spielen sie Karten, starren auf den verdammt großen Bildschirm an der einen oder der anderen Wand. Alle rauchen sie draußen ihre Zigarren oder Zigaretten, und ich, bin zeitweilen mitten drin.



Wenn ich weiter stadteinwärts in südlicher Richtung unterwegs bin, dann sehe ich ein riesiges, imaginäres Schild, auf dem steht in großen roten Buchstaben: "Willkommen im türkischen Viertel." Es beginnt direkt nach der Unterführung, gegenüber der neuen Synagoge. Sportverein, Teehaus, Dönerladen, Frisör, Wettbüro und Spielhölle, was will Mann mehr?
Viele, viele Männer mit Oberlippenbärten, das Teeglas in der linken, und die Kippe in der rechten Hand, manchmal auch umgekehrt. Ich schaue starr nach vorn und lausche den Gesprächsfetzen. Wenn ich es eilig habe und ihren neugieren Blicken ausweiche, dann mache ich mir einen Spaß daraus und bilde kleine Geschichten in deutscher Sprache aus all den türkischen Gesprächsfetzen die mein überreiztes Gehirn fluten.
Dann schmunzle ich, grinse auch manchmal und gehe einfach gut gelaunt an ihnen vorbei.
Ganz ehrlich, ich bevorzuge, wie bereits erwähnt, die italienische Espresso-Bar. Das türkische Viertel ist vielleicht auch ganz nett und nicht minder schmuddelig, doch mein Viertel ist es nicht.
Mir geht es durch den Kopf, hinunter in den Magen und ich kann es einfach nicht haben an ein und der selben Straßenecke zu verweilen. Die Zerstreuung meiner Gedanken ist von großer Bedeutung. Meine Gedanken sind frei und sie fließen durch die Straßen. Bloß keine Stauung, ein Fluss muss entstehen, denn sonst stinke ich nach sehr stark konzentriertem Urin.

Deshalb scheiße ich wie alle anderen auch, in jedem Viertel meiner Stadt. Heute bin ich hier und morgen bin ich da, übermorgen bin ich vielleicht ganz wo anders.
Ich gehe durch den Regen, durch die Kälte, durch die leeren Straßen am Sonntagmorgen. Ich grüße den, den und vielleicht grüße ich auch dich, mit einer kurzen Handbewegung oder einem kaum wahrnehmbaren Kopfnicken, vielleicht grüße ich dich aber auch nicht. Vielleicht befinde ich mich gerade dann in einem dahinfließenden Gedankenfluss und gehe einfach gut gelaunt an dir vorbei.


Montag, 11. November 2013

Kommen und Gehen (1)


Ich bin hier und dort. Bin mal dort und mal hier.

Was ändert sich?

Die Tastaturen, die Bildschirme und auch die Texte ändern sich.

Und wer oder was bleibt?

Was bleibt? Was bleibt, bin ich. Ich und das Schreiben. Schreiben in jeder nur erdenklichen Lebenssituation. Denken und schreiben. Wenig öffentlich, ganz viel Text entsteht im Stillen, im stillen, stillen Kämmerlein. Abgespeichert, ausgedruckt und manches wird auch wieder verworfen.

Ich schreibe nicht für sie, nicht für ihn, nur für mich. Schreiben und denken. Denken und Schreiben, am liebsten stundenlang. Viel lieber würde ich nicht so viel reden, viel lieber würde ich einfach nur schweigen um konzentrierter, viel besser zu Schreiben.
Schweigen um besser zu Schreiben.

Nie wieder reden, nur noch Schreiben. Aus einer Wunschvorstellung könnte ganz schnell ein Alpdruck sondergleichen entstehen. Ich blicke in den Spiegel und sehe mich. Sehe mich mit zugenähten Lippen und aufgerissenen Augen.

Puff!! Peng, Zischhhh!! Aus der Traum!

Grauer, nach Schießpulver riechender, dichter Qualm hängt in der Luft. Aus der Traum! Der Traum vom feinen Schweigen, vom freien Schreiben.
Verbliebene Kräfte sparen. Platz schaffen, einen alten Raum für neue, ganz frische Gedanken schaffen.

Ersinnst du dich? Weißt du noch wo der Schlüssel liegt? 

Nimm den verrosteten Schlüssel für das alte Vorhängeschloss und gehe die steilen Stufen, die Treppe hinunter. Öffne die knatschende Holztür deines kleinen Depots. Es steht seit Jahren voll mit Müll. Einst mal war dieser dunkle Raum ein sonnendurchflutetes Zimmer. Es war ein schöner Raum. Ersinnst du dich? Heute ist der Raum in Dunkelheit gehüllt. Er riecht muffig  und ist stark zugemüllt. Ungenutzt. Schade, wirklich sehr, sehr schade.

So gerne möchte ich frei sein. Frei, im Sinne von der großen Freiheit.

Kommen und Gehen (2)



Du möchtest gerne frei sein?  

Ich?

Ja, Du!

Jenes Ich, mit der schwarzen Wollmütze (wie sie Hafenarbeiter tragen), mit den schwarzen Halbhandschuhen und einem langen schwarzen Schal um den Hals geschwungen, er betritt die Bühne, stellt sich in den Lichtkegel und schreit, und reißt die Türen und die Fenster aus den Angeln. Er schmeißt den Sperrmüll der vergangenen Jahre auf die Straße und denkt sich ganz nebenbei:
„Noch vor einigen Jahren hätte ich es nicht gekonnt. Na hoffentlich überanstrenge ich mich.“

Die Zeit (sie gehört dir) sie ist zu dir gekommen und ist ein Gast von kurzer Dauer.
"Die Tage, Monate und Jahre die mir verbleiben, wer weiß schon genau, wie lang, oder schön, vielleicht extrem anstrengend, oder auch zäh, sehr langatmig, vielleicht doch eher sehr schnell, grenznah, hart am Limit, kurzatmig und für immer und ewig beendet mit vielen kleinen, ganz, ganz stillen, Herzinfarkten, gefolgt dem einen, dem großen Herzversagen, der dich aus den Schuhen, dem Leben reißt."

Was ändert sich?

Jenes Ich, welches auch immer, kam zur Welt, verweilte hier, eilte dort. Jenes Ich hat gelebt und ist verstorben, wirklich geändert hat sich nichts.
Und wer oder was bleibt?

Trauernde. Salzige Tränen vereinen sich mit dem Schmerz und der Schmerz vereint sich mit der Trauer.

Liebe Tante ich werde dich vermissen:

Requiescat in pace.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Martin Fietz

Ihsans Reisebericht (4.0)


Jetzt wo ich gelernt habe das türkische Bier zu genießen, jetzt wo ich gelernt habe mir nach jeder Mahlzeit einen qualitativ hochwertigen Kaffee selbst zu kochen, jetzt, könnte ich auch noch länger hier in der Ferne, in der Türkei verweilen. 


Auf der Suche nach meinen türkischen Wurzeln habe ich viele, viele wertvolle Dinge gefunden. Ich habe gesehen und ich habe sogar noch etwas lernen können. Nicht für die Schule, nicht für mein Examen, fürs Leben. Ich weiß, dass beide Länder nicht unterschiedlicher sein können. Es gibt keinen Vergleich für das Leben hier und das Leben dort. Ich jedoch bin nun um eine Erkenntnis reicher. Ich habe für mich erkennen können, habe begriffen warum das Leben in Deutschland so lebenswert für mich ist. Es ist nicht die Politik, es sind nicht die sozialen Absicherungen, es sind nicht die sauberen Straßen und es sind auch nicht die großen blonden Mädchen, von denen hier jeder notgeile Kerl redet.
Es gibt lediglich nur zwei Gründe warum ich mich so sehr nach meiner Geburtsstätte sehne: Meine liebe Frau und mein einzigartiger Sohn. 


Ob ich nun hier bei meiner türkischen Mischpoke lebe, oder dort, spielt im Grunde genommen keine Rolle. Denn das Leben in Deutschland kann mindestens genauso beschissen verlaufen wie das Leben in der Türkei. Natürlich auch umgekehrt. 


Es ist die Liebe, die mich seit meiner Ankunft, jeden Tag daran erinnert hat, wo ich herkomme und wo ich hingehen werde. Sicherlich sind Reisen mit dem Reiseziel Istanbul oder Antalya notwendig. Sicherlich bin ich trotz der verhassten politischen Situation mit samt den erschreckenden Auswirkungen auf das Land und die Menschen sehr, sehr traurig. Die Bilder der notdürftigen Menschen auf den Straßen und in der Familie werden mir ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf gehen.