Sonntag, 7. April 2013
Montag, 1. April 2013
Minoş
* 2002 † 30.03.2013
Sie gehörte zu unserem kleinen Schwarm.
Sie hat uns gelehrt, was es heißt ein Schwarmvogel zu sein. Nach zwei Umzügen von dem einen- in den anderen Stadtteil, nach zwei Nahtoderfahrungen und einer schweren Operation, verbunden mit einer Amputation, hatte sie ein entspanntes Sittigleben mit offenen Türen, ihres pagodenartigen Vogelkäfigs.
Als ich am Tag ihres Todes rauchend auf dem Balkon stand, sah ich den Schneeflocken zu, wie sie vom Himmel fielen. Einige jedoch, wurden vom Wind gehalten und wieder zurück gen Himmel getragen. So dachte ich, rauchend, still schweigend: "Lebe wohl, meine kleine Sittigfreundin."
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DAY-TO-DAY
Donnerstag, 7. März 2013
Schmutzige Schokolade
Ich schau in den Spiegel,
eine Seele,
mitfühlend,
gebrochen,
wie könnt ihr es wagen,
euch über euer Futter in euren Näpfen zu ärgern,
wie könnt ihr es wagen,
euch euer Gewissen mit Etiketten im schönen Design freizukaufen ,
wie könnt ihr es wagen,
nur um des Profit willens wegzuschauen,
wie könnt ihr nur,
meine Seele war rein,
mein Herz wurde zu Stein,
doch ich danke Mutter Natur ,
für die Kraft des Wortes,
ihr zwingt mich sie zu nutzen,
ich kann sie überzeugen,
ihr habt uns gespalten,
ich werde versöhnen,
die Welle die dann über euch kommt wird leider zum Tod meiner Brüder und Schwestern führen ,
doch ich hoffe ,
dann kommt euer umdenken,
und ihr sagt euch in der Zukunft,
wie konnten wir nur !
© by Peschen
Pavel Turkovski - back in town (10)
(10)
Ohne sich die Mühe zu machen etwas gegen sein Äußeres zu tun, ging er seines Weges. Er war in Schwarz gehüllt. Er trug seinen knielangen Mantel, den er sich bereits seit drei langen Wintern über die Schultern warf. Er ging in dem wohl einzigen, pavelistischen Kleidungsstück durch die überfüllte Einkaufsmeile seiner Exgeliebten-Heimatstadt (Wieso „Exgeliebte-Heimatstadt“, fragen sich wohl einige, die sich die Mühe machen und diesen Text lesen. Hier eine kurze Erklärung: Die Stadt war zu seiner Exgeliebten geworden, nachdem er sie vor langer, langer Zeit verlassen hatte, um in einer anderen Stadt sein Glück zu finden. Wie unschwer zu erahnen- erfolglos. Damals hatte er gehurt, gesoffen und gelebt, als würde es kein morgen mehr geben. Er hatte die Ersparnisse seiner Eltern schamlos verprasst ( anders gesagt, ein wenig minimiert) und war dann, geknickten Hauptes zurückgekehrt. Diese Geschichte, dies nur noch am Rande, ließe sich fast so schön Erzählen, wie das Gleichnis vom „verlorenem Sohn“. Seither war sie, seine alte Heimatstadt, nur noch die Exgeliebte).
Sein Äußeres betreffend stellte Pavel sich die Frage: „Wieso eigentlich sollte ich mich für meinen drei Uhr Termin herrichten, wo es doch eh nur um einen Job als Gehilfe in einer mehlstaubigen Industriebäckerei geht?!“. Das wirklich Schlimme an der Sache war gar nicht mal die ungesunde Arbeit im Dreischichtbetrieb, in den großen Hallen einer mehlstaubigen Industriebäckerei, nein, wirklich schlimm war die Vorstellung sich für diesen Job versklaven zu lassen.
„Wer verdammt arbeitet schon gerne als moderner Sklave? Niemand, doch leider sehen wir viele, viele Menschen in unserem Land, die es sich leider, leider nicht anders aussuchen können.“
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Pavel Tukovski
Pavel Turkovski - back in town (11)
(11)
Pavel steckte
sich eine Zigarette an, ging durch die Kälte und lies seine Gedanken schweifen,
als der Wind ihm vom Osten her kommend, um seine großen, fast abgefrorenen
Ohren blies. Die überfüllte Einkaufsmeile seiner Exgeliebten-Heimatstadt
verblasste bei jedem weiteren Gedankengang. Er ging vorbei an all den Menschen
die vor seinen Augen ihre Gestallt veränderten. So tauchte er ein in eine
dahinfließende Welt und sah manche von ihnen wie Antilopen über die Steppe
rennen, manch andere wie ertrinkende Gnus im tiefen Flussdelta. Allesamt
gehetzt und getrieben von einem imaginären Raubtier. In Wirklichkeit trieben und
hetzten sich gegenseitig. In Wirklichkeit rannten sie, und rannten vor dem
furchteinflößenden Tier davon, sie meinten tatsächlich entkommen zu können.
Paradoxerweise wussten sie tief in ihrem Innersten, dass niemals vor sich
selber davon laufen können. Sie, zu denen auch Pavel gehörte, waren einer
urbanen, chronischen Krankheit unterlegen. Sie, Raubtiere der Gattung Mensch
verschmolz vor Pavels Augen, allesamt, zu einer zähflüssigen Masse.
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Pavel Tukovski
Pavel Turkovski - back in town (12)
(12)
An Tagen wie
diesen fühlte sich Pavel wie ein gepanzerter Welz in einem riesig großen
Aquarium. In diesem künstlichen Becken gab es nichts. Kein schönes
Panoramaposter mit wundervoller Unterwasserlandschaft an der Rückverglasung,
keine Pflanzen, keine Steine und auch keine Höhle als Rückzugsort. Was gab es
stattdessen? Dreckiger Kies und algenverschmierte Scheiben, die einem einsamen,
gepanzerten Welz, die Sicht nach Außen erschwerten. Zudem kam das leise,
monotone Summen der stark verschmutzten Filteranlage, die das Wasser zwar in
Bewegung hielt, doch kaum reinigte und gerade mal so viel Sauerstoff erzeugte,
dass es zu viel zum sterben und zu wenig für ein etwas bewegteres Leben war.
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Pavel Tukovski
Vergeben und Vergessen
Wie schön und einfaches es doch
wäre zu Vergeben und zu Vergessen.
Ihm fiel es schwer, einfach, zweifach, mehrfach
widerfahrene, negative Ereignisse, von Anbeginn der frühsten Kindheit, bis hin
zur späten Jugendzeit, zu vergessen. Vergeben stand auf der einen Seite, und
Vergessen auf der Anderen. „Vielleicht...“, so dachte er, „...gehört
beides irgendwie zusammen.“ Vergeben und Vergessen, zwei Wörter,
zusammengehalten oder getrennt? Getrennt oder doch zusammengehalten durch das
Wort “und“. Er zumindest wusste, in seinem Kopf, lies sich beides nicht
vereinen. Somit waren für ihn alle Erinnerungen verbunden mit einem immer
wieder- und wiederkehrendem Seelenschmerz. Manchmal war es heftig wie ein
wütender Sturm. Manchmal war es eher wie ein unangenehmer Regenschauer, der
gerade dann hernieder prasselte, wenn er wie üblich seinen Regenschirm daheim
vergessen hatte.
Er konnte nichts daran ändern.
Es war wie es war. Real und erbarmungslos, so wie die
nackte Realität eben nur sein konnte. Was geschehen war, war geschehen. Und
Geschehnes musste er akzeptieren. Im Endeffekt spielte es auch keine Rolle
mehr, denn er wusste, der letzte Zug war abgefahren. Die Spätvorstellung war
zuende.
„Was ist geblieben?“ Ein menschenleerer Bahnhof
durch den ein kalte Wind weht. „Was ist geblieben?“ Ein leerer Kinosaal
und der Geruch von Popcorn in der Luft.
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Mein Engelchen
Mein Engelchen,
ich danke dem Himmel
dass er Dich mir beschert hat.
Denn Du bist es wert
Dich zu lieben alle Zeit,
bis in Ewigkeit.
© 2013 by: HENNER
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GEDICHTE,
In Zusammenarbeit mit...
Montag, 25. Februar 2013
Pavel Turkovski - Back in town (7)
Seine Freude auf diesen ersten Tag, dem ersten Tag auf dem
hiesigen Arbeitsmarkt, hielt sich dementsprechend in Grenzen. Anders gesagt, er
empfand nichts als Frustration und Leere in sich. Nach dem Ende seines Daseins
als pathologischer Haribo-Goldbärchen-Fresser, nach dem Ende seines Aufenthalts
in der Heilanstalt, kamen ihm wieder die leicht schwermütigen Gedanken von
damals. Der heutige Tag, der acht Uhr Termin bei Frau
Ichkonntemirihrennamennichtmerken, war eine
nervliche Belastung sondergleichen. Nach seinem Nuttenfrühstück, einem
schwarzen Coffee2Go und einer Zigarette, betrat er also mit stinkendem Atem das
klaustrophobisch kleine Zimmer im obersten Stockwerk des Arbeitsamtes. Er
begrüßte mit leiser Stimme seine Kundenberaterin, und setzte sich auf einen
hässlichen braunen Stuhl mit dunkelgrünem Sitzpolster. So wie er da saß, las er
das Namensschild vor ihm: Frau Allzeit-Karabulut.
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Pavel Tukovski
Pavel Turkovski - back in town (8)
Die Frau mit dem Doppelnamen starrte stur auf ihren
Bildschirm und hackte stakkatoartig auf ihrer Tastatur herum. Pavel richtete
seinen deprimierten Blick aus dem deprimierend kleinen Fenster zu seiner
Linken. Er blickte in graue Wolken, in einen regenverhangen Tag hinein, und
gedanklich schweifte er in die Ferne, als er plötzlich in Erklärungsnot geriet,
als ihn plötzlich eine unerwartete Frage von Frau Allzeit-Karabulut, wie ein
Donnerschlag aus den grauen Wolken riss: „Sind sie geheilt?“ Nach einer
langen Pause. „Hier in ihrem Entlassbericht steht, dass sie gesund und somit
arbeitsfähig entlassen wurden.“ Völlig übermüdet, unausgeglichen wie er
war, fing er erst an zu stottern und zu stammeln, dann erzählte er irgendetwas,
teils Zusammenhangloses. Und so geriet er in schnelles Fahrwasser, in einen
reißenden Redefluss und er erzählte ohne Unterbrechung viel, viel zu viel, solange,
bis sein Mund gänzlich trocken war. Er hatte dieser fremden Frau, mit dem
fremdartig klingenden Doppelnamen, irgendetwas erzählt, von dem er die Hälfte
schon wieder vergessen hatte. Diese Frau (diesem in neubeamtendeutsch
sprechenden Menschen) interessierte Pavels unbefriedigende Antwort in
keinsterlei Weise. „Also gut Herr Turkovski, kommen wir nun zu ihren
beruflichen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Gleich einige Blocks weiter,
Richtung Domplatz, neben Willis Rock-Cafè, wurde vor einigen Wochen eine neue
Firma eröffnet. Diese Firma ist nur eine von vielen, hat sich jedoch in nur
sehr kurzer Zeit einen wahrlich guten Namen gemacht, sie heißt:
Wir-Versklaven-Jeden.“
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Pavel Tukovski
Pavel Turkovski - back in town (9)
Pavel musste schlucken. „Herr Turkovski, sie haben
keine abgeschlossene Berufsausbildung, wir können ihnen zur Zeit leider keine
Weiterbildungsmaßnahme anbieten, und ihren Anspruch auf eine volle Leistung
müssen wir ihnen leider auch sehr stark kürzen. Nachlesen können sie dies
übrigens auf folgendem Ausdruck.“ Die Frau mit Doppelnamen schob ihm ein
bedrucktes Blatt Papier über den riesigen Schreibtisch in dem klaustrophobisch
kleinen Zimmer. „Soweit wir wissen, ist bei ihnen eine Mehlstauballergie
nicht bekannt, somit können sie die gesuchte Stelle, vermittelt über die
renommierte Firma: Wir-Versklaven-Jeden, als Helfer in einer Industriebäckerei,
gesucht ab sofort, auch sofort besetzten. Ihr Termin...“ Sie schob ihm ein
weiteres Blatt Papier über die scheinbar frisch polierte Tischplatte.
„...bei Herrn Blutsauger ist heute Nachmittag um drei. Bitte erscheinen sie
pünktlich und in angemessener Kleidung. Auf nie mehr Wiedersehen und einen
arbeitsreichen Tag. Wenn ich sie bitten darf, schicken sie mir
beim Rausgehen doch bitte den nächsten Kunden rein.“ Pavel sah bedrückt auf
die Blätter die er zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände hielt. Er
blickte der Frau hinter dem Schreibtisch in die stahlblauen Augen und fragte: „Bevor
ich mich auf den Weg mache, noch eine Frage. Welche Bedeutung hat der Name
Karabulut, in ihrem Doppelnamen?“ Die Kundenberaterin kniff ihre Augen
zusammen und antwortete: „Dunkle Wolken.“ Pavel wich verstört ihrem
Blick aus und verließ mit gesenktem Haupt das Zimmer. Die Türklinke noch in der
Hand sah Pavel einen ausgemergelten Mann mit Dreitatgebart, in schwarzer
Lederjacke auf einen der abgenutzten Stühle sitzen. Er nickte still schweigend über seine
Schulter in Richtung klaustrophobisch kleines Arbeitszimmer, und dachte: „Allzeit-Dunkle-Wolken.“
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Pavel Tukovski
Sonntag, 24. Februar 2013
Das Telefonat
Vor dem
Telefonat. Melancholisch klingende Opernmusik, wirklich wunderschön. Eine
Frauenstimme singt in fast allen Tonlagen ein Lied von der Einsamkeit im dunklen Walde. Sie singt vom kalten Wind der sie umgibt. Das Lied bricht abrupt ab und das Telefonat, geführt in Bochum, zwischen Heinz und Renate beginnt. Es beginnt mittendrin:
Dat lohnt sich
nicht. Da lege ich auch keinen Wert drauf. Nö, Nö, Nö. Die haben wohl
viel Geld, aber sind einfach zu doof. Ja genau. Ich glaub die haben auch keine
Kinder, ne? Äh, weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Der Heinrich, der hat ja
seinen Reichtum, dat was er hat, durch seinen Vater. Ja, der Heinrich. LKWs
und so ne? Der Heinrich hat alles mit viel Fieberrei als Verfolgter
geschafft. Ja, ja. Ja, ich weiß dat. Und dann hat er den Autobus gehabt,
und dann hat er die Frau kennen gelernt und der olle Graf, dat ist ja der Vater
von ihr. Ja, ja, die machen ja mit Graf. Sie ist ja geborene Graf. Ja genau. Und jetzt steht er da als König
unter Kuratel. Der olle Graf bestimmt was geschieht. Genau. Den Eindruck
habe ich auch. Sie ist nämlich auch so bestimmend, weißt de. Der hat
auch nichts bei ihr zu sagen. Ach wat, wenn er was will, dann muss er erst
fragen. Aber ganz höflich, weißt de.
Du ich war
heute den ganzen Nachmittag unterwegs. Renate, ich hab schon versucht dich
anzurufen und es war immer besetzt. Da hab ich der Mutti dat gerade so
erzählt. Ah so. Ich habe gedacht: „Die arme Renate, was die sich da
wieder...“ Ja ne, ich war so um kurz nach sieben hier. Ja. Wir waren
um zwei Uhr schon gefahren. Kurz nach sieben war ich erst hier. Da habe
ich es natürlich erst der Mutti berichtet. Ja, ist ganz klar. Also wir
haben einen sehr schönen Sarg genommen. Ja. Und haben den von innen auch
so ausgestattet. Ja. Und mit einem Kreuzchen drauf. Ist der denn von
hier? Nein, der kommt erst Montagmorgen. Ah ja. Dat hat ja noch Zeit. Weil
dat noch alles in Lippstadt gemacht werden muss. Ah ha. Ach so, die wird in
Lippstadt eingesargt und dann kommt sie erst hier her? Vor allen Dingen durchs
Standesamt, läuft dat erst in Lippstadt. Ach so, ja? Sie muss erst dort
oben abgemeldet werden, da sie ja dort oben verstorben ist. Ach ja, sie war
hier ja gar nicht mehr angemeldet. Doch. Der Tante Elli die Wohnung war zwar
hier schon aufgelöst, aber sie war ja nicht abgemeldet. Ne, also dat war jetzt
noch der Unterschied. Ah so. Sie ist hier noch gemeldet. Aber sie ist ja
in Eikelborn verstorben, und darum muss dat jetzt dat Standesamt in Lippstadt
machen.
Du hör mal
Renate, dat mit dem Sterbegeld von der äh, äh, Versorgung, nee. Ich glaub, da
gibt’s gar nichts. Ne? Weil dat häusliche Gemeinschafts-Voraussetzung
ist. Ah so. Ja, und dann ist es wohl noch so, dat erst noch alles Andere
angerechnet wird. Ja, und wenn dann noch etwas übrig bleibt, dann kann evtl.
was... . Aber trotzdem versuchen können wir es ja. Wir haben es da gelassen.
Hä? Wir haben die ganzen Akten noch gekriegt. Habt ihr die Akten
gekriegt? Die Versorgerinn, die ist
heute Mittag noch zum Berthus-Hof gekommen, zu Herta, hat... Mhh, mhh ...uns
die ganzen Klamotten gegeben. Also wir haben das Aktenzeichen vom
Versorgungsamt. Habt’da alles? Ja, von der AOK allerdings nicht. Aber da
sind wir... Ja, ja brauchst du ja nicht. Von der AOK brauchst du ja nur
Geburtsdatum, Vor- und Zunamen. Ja, ja, dat macht er ja jetzt alles. Hör
mal, dann pass auf, noch was. Hör mal, wenn der dat macht, ne, dann soll er ein
paar Sterbeurkunden mehr bestellen. Habe ich schon. Ich hab gleich zehn
Stück bestellt. Ja dann hast du dat ja gut gemacht. Habe ich nee?
Gut, ja wunderbar.
Ich habe
schon gedacht, wenn da auf uns wat zukommt, dat habe ich mir sofort schon
gedacht. Ja- ja, ja. Dann sind wir hinterher nämlich die Gelackmeierten.
Ja, ja. Und dann müsste man immer wieder Auszüge von Lippstadt anfordern.
Ganz genau. Und dat ist ein Umstand. Hör mal, dann lass lieber noch ein
paar mehr machen. Du weißt ja nicht wofür dat alles noch notwendig sein wird. Ja,
dat kann ich ihm dann ja noch sagen. Ja, ja. Dat macht er dann auch. Denn
er konnte heute am Friedhofsamt ja gar nichts mehr erreichen. Überhaupt
nichts? Es ist wohl durchaus möglich, doch er sagte da konnte er sich jetzt
nicht festlegen. Entweder kommt sie zum Blumenfriedhof, oder nach Grumme.
Ja, dat ist gut. Ja dat habe ich auch gedacht, dat ist ja nicht so wild.
Ne, ne. Ich meine er will den Blumenfriedhof vorziehen. Ja, ja. Aber
wenn es eben nicht geht, dann geht es nicht. Ähe, ähe. Und mit der
Beerdigung, die wird höchstwahrscheinlich Mittwoch sein. Mittwoch? Ja.
Ohh Mann, oh Mann. Dann muss ich dem wohl absagen. Ja gut. Mittwoch habe ich
nämlichen einen Termin. Heinz warte erst mal noch ab. Ja. Morgen
Mittag weiß ich näheres. Weil er sich morgen erst mit dem Friedhofsamt in
Verbindung setzt. Weißt du? Morgen? Ja, da war heute nichts mehr zu
machen. Ja. Ab morgen um dreizehn Uhr wissen wir mehr. Ja. Wie
dat ist, und wann die Beerdigung sein wird. Dann sag ich dir auf jeden Fall
bescheid.
Hör mal, willst
du denn noch Totenbriefe verschicken? Hab ich schon alles bestellt. Du,
ähm, was ich noch sagen wollte. Ähh, der Wolfgang Kassel, hast du dem auch
bescheid gesagt? Ja, der weiß auch bescheid. Renate du denkst aber auch
an alles. Der Wolfgang weiß bescheid, die Hermes und die Roswitha wissen bescheid. Die Wortmann, die ist
nicht da, die ist bei der Christa. Ja. Aber die Anna weiß auch schon bescheid.
Ja... Hör mal dann kann die Wortmann auch bei der Christa bleiben, dann brauch
die nicht erst zu kommen. Ja, eben. Weil, ist ja auch für sie eine Strapaze.
Ja genau, die kann ja nun auch nicht mehr so richtig. Ach wat, und die
Christa, die kann dann auch da bleiben. Die wird auch nicht kommen, dat
glaube ich nicht. Und wie ist es mit der..., mit der..., ach warte mal... Meinst du Ruth? Ja. Ruth, die ist auch noch da. Ruth weiß auch bescheid? Ne, die, die kriegt
einen Brief du. Ja schön, die kriegt’n Brief. Ich weiß nicht ob die Hertha sie
anruft? Ich seh sie ja gar nicht. Ich kenn sie wohl, aber ich bin wer weiß
wie lange nicht mehr da gewesen. Die Hertha, die hat glaube ich doch ein
bisschen mehr Kontakt zu ihr. Wie ist dat mit der..., mit der..., wie heißt
die noch... . Schröder? Die Erna, ne die Resi ne?. Ja, ja.
Die dürfen wir nicht vergessen. Ja, ja. Die Resi ist auch immer
lieb gewesen. Ja, ja. Habe nämlich schon alles aufgeschrieben. Ich schreib
hier schon die Umschläge. Die habe ich hier. Die mache ich jetzt gleich fertig,
und die Totenbriefe, die kriegen wir ja auch erst Montag ne.
Du hör mal, und
dann ist da doch noch die, die Frau von dem Wilhelm. Wat ist mit der? Die Anna Rupieteer. Ja. Ja solln
wa? Ja. Die gehört ja auch dazu. Ja. Ich weiß aber nicht wo die
wohnt. Wohnt die nicht Hohestraße? Weiß ich nicht. Ich hab keine Ahnung
wo die wohnt. Und dann ist da ja noch der Horst, ne? Ja, weiß ich nicht. Ich
habe von Dortmund gar kein Telefonbuch. Ja, ich auch nicht. Och, ist doch
auch egal. Muss ich mal gucken. Ich schreib es mir auf jeden Fall auf. Nicht dat die übergangen werden. Warte mal, ich habe hier ein Notizbuch, ich
schreib es mir mal auf und gehe die Liste kurz mit dir durch, dann kannste mir
sagen ob ich noch wat vergessen hab. Mhhm. Ich hab..., Ich hab
aufgeschrieben: Heinz Rupieteer, Lothar, Roswitha, Klara, Karin, Manfred, Tante Ata, die Boning, die Schmidt,
unsere Mutter, Uta und Dieter. Resi Schröder und die
Hausgemeinschaft wo sie gewohnt hat. Ja. Der Jutta Echtreling schicken
wir noch eine, und wen hattest du noch so? Erna und Heinz Rupieteer aus
Dortmund. Die leben ja glaube ich nicht mehr zusammen ne? Ja? Ich weiß es nicht. Sind
die denn noch verheiratet? Ich meine die Hertha hätte da mal wat gesagt. Ach
so. Ja. Die Hertha, die kommt ja noch zur der Mutti rauf... Ja. ...und
dann werd ich sie mal fragen. Dann wolln wa noch ma gucken. Wat war denn
noch...? Ich habe fünfundzwanzig Karten bestellt. Ach ja, die reichen ja
dicke. Mehr ist dat ja nicht.
Ja und
Kaffeetrinken machen wir dann auch. Ohh. Willst du dann auch machen ja? Ja
sicher. Aber wenn schon, dann richtig. Ja, ja. Dat wär ja auch in ihrem
Sinne gewesen. Ja? Ach sicher, dann wird dat Schmäuschen auch gemacht.
Ja? Ja, ja. Und wenn wa dann frei nehmen ne? Und, dat ist auch ganz egal,
auch wenn sie dann zum Grummefriedhof kommt, denn wir sind ja alle motorisiert
ne? Ja sicher. Denn wie willst dat denn anders machen? Ja sicher.
Die Hertha kennt den Gärtner von Grumme. Die Hertha kennt auch dort den Wirth aus der Kneipe am Grumme, die kann dat Ganze
schön arrangieren. Die kann dat ja machen ne? Und wenn dann
ein paar mehr kommen sollten, dann können wa auch ein paar Gedecke mehr machen, als wenn wa
dann in einer fremden Kneipe hocken, und in die Röhre schauen. Ja sich. Ja, ist ganz klar. Du
hast aber auch alles topp hingekriegt. Weißte, dat alles zu organisieren,
aber kennste auch unser Herthachen, ne? Hertha kann dat ja auch, Häää, hä,
hä, hä. Häää, hä, hä, hä.
Ja, ja, dat
haben wir schon heute alles gut in die Reihe gekriegt. Ja, dann pass mal
auf. Ah ja, dann werden wir ja noch über den Nachlass sprechen. Über den
Nachlass müssen wir ja noch sprechen. Mhhh, mhh. Weil, ich hätte ja
große Lust, große Lust den ganzen Scheiß auszuschlagen, weißt'de. Kein Brass
oder so, aber... Ne Heinz, warum denn?! Warum denn?! Dann geht dat Ganze
wieder zum Nachlassgericht. Ne Heinz, warum denn?! Dann wären wir ja schön
doof. Dat tun wir auch nicht! Irgendwie, ähh, ich meine, ich bin da ja auch
nicht wild drauf. Aber, aber es sollen ungefähr zweiundzwanzigtausend Mark da
sein. Ja? Ne. Und wenn dat dann alles abgeht. Ich meine Beerdigung und
so. Ja? Ich meine dat machen wir alles schön. Ja, ja! Und den
Grabstein soll sie auch bekommen. Da werden die ja noch kommen, und dat war ja
ihr Wille. Den Kostenvoranschlag den hatte die Fürsorgerinn damals schon
eingeholt, vom Grabmetze-Hunnenberg. Mhh, mhh. Und noch keinen Aufpreis
gegeben. Ich kann ja auch nicht zu Lebzeiten schon... Ne, dat macht man
auch nicht. Macht man auch nicht. Und dann will ich wohl mal hoffen, dat die
noch zu ihrem Wort steht, obwohl die ja mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun
hat. Die, die Fürsorgerinn. Die Fürsorgerinn. Für die ist die ganze
Sache schon abgeschlossen. Ja? Ja sicher. Dat sie da noch zu steht
ne. Und dat muss ja dann alles von dem Konto, dat geht ja dann alles von dem
Konto ab. Ja sicher. Ja, ja. Und dann bleibt auf jeden Fall noch etwas
über. Denn die Krankenkasse, die zahlt ja auch. Was ausschlagen, hör mal, da wärst
du ja dumm. Ne, warum denn?
Ja, dann pass mal auf. Dann wollte ich wat vorschlagen, für alle Fälle. Dann mach doch, dann bereite doch schon einmal so eine Art Vollmacht vor. Ne Vollmacht. Ja. Dat alle Erben, die da als Erben in Frage kommen... Ja. Dat geht ja gar nicht, die Inge Rupieteer aus Amerika, die ist ja auch noch da. Ja. Die gehört ja auch noch dazu, ne? Ja, ja. Ich weiß nicht wie dat genau läuft. Ach du [...] Aber dat besprechen wir am Besten wenn wir zusammen sitzen. Heinz ich weiß gar nicht genau wie dat läuft. Ja ne, dat kann nämlich hinterher ärger geben. Weißt’de? Jetzt stell dir vor, wir beschließen jetzt, so wie wir da sind...Mhh, mhh. ...und Geld wird aufgeteilt, und alles ne? Ja. Dat einer, von denen die, die nicht da sind, herkommt und sagt: „Damit bin ich nicht einverstanden, gehe zum Nachlassgericht und mache Krieg.“ Ja, ja kann sein. Dann hängste nämlich inne Seile. Ja, dat stimmt. Weißte? Ja, ich meine dieser Umkreis, ich meine Bochum, ja die wissen ja alle bescheid. Ja. Und die haben heute alle gesagt, macht wie ihr meint, ist in Ordnung, und ist auch in unserm Sinne.
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Montag, 18. Februar 2013
Die Peitsche 1
Sein Onkel, der älteste
Bruder seines Vaters, wurde auf die brutalste Art und Weise von
seinem Opa (im Viertel wurde er „der große Ali“ genannt)
erzogen, man könnte auch sagen: „Ausgepeitscht.“ Mit Vorlieb
fielen die Peitschenhiebe nach einem verlorenen Kartenspiel, bei dem
sein Opa auch schon mal ganze Tageseinnahmen verzockte.
Sein Onkel (keine Ahnung
wie man ihn im Viertel nannte), nahm sich irgendwann einmal die
Peitsche seines Opas (der mittlerweile, versoffen, alt und
gebrechlich geworden war) und peitschte damit mit Vorlieb den
jüngsten Nachkömmling der Familie aus, seinen Vater.
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Die Peitsche 2
Irgendwie muss dann wohl
irgendwann sein Vater in den Besitz jenes Familienerbstücks gekommen
sein. In frühster Kindheit (quasi die ersten Erinnerungen die er an
seinen Vater hatte) sah er mit an, wie sein Erziehungsberechtigter
mit Vorlieb seinen, ganze fünf Jahre älteren Bruder, auspeitschte.
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Die Peitsche 3
Er konnte sich noch genau
an jenen Abend erinnern. Seine Eltern hatten die Wohnung verlassen.
Er und sein Bruder waren mutterseelenallein. An diesem Abend
wiederholte sich etwas, was man vor langer Zeit hätte unterbrechen,
und somit verhindern können.
Sein Bruder kramte die
alte Peitsche aus.
Er, war bereits im Schlafanzug und spielte mit seinen bunten Matchbox-Autos auf dem flauschigen Teppich, nahe dem ihn wärmenden Ofen. Langsam richtete er seinen Blick nach oben und sah seinen Bruder, der mit geschwollener Brust und der Peitsche in der Hand vor ihm stand.
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Pavel Turkovski - back in town (0)
Pavel Turkovski
back in town
Einleitung
Pavel Turkovski, entsprungen aus der Anonymität der Großstadt,
ist nach wie vor ein Niemand, der davon träumt, Jemand zu sein. Er
ist ein einsamer, vergessener Mann, der verzweifelt zu beweisen
versucht, dass er lebt.
Eine mehrteilige
Blog-Geschichte, neuaufgelegt und zurück ins Krähennest geworfen
von Ihsan alias “K’nack, die Krähe“.
Für ihn begann nun eine neue Phase des
Menschseins.
Jeder kennt das Gefühl von frisch
rasiert, ganz egal welche Stellen am Körper, ganz egal ob Männlein
oder Weiblein. Jeder kennt das Gefühl von frisch geduscht nach der
Arbeit, oder nach einer intensiven Begegnung der ganz besonderen Art.
Jeder kennt es, in mit Weichspüler gewaschener Wäsche das Haus zu
verlassen.
„Kennt nicht ein Jeder dieses
Gefühl? Fühlt es sich nicht herrlich an?“
Und hier das Kontrastprogramm.
Pavel ging raus aus dem
Einhundertzehn-Miniapartment-Paradies-Haus und betrat alles andere
als den Vorgarten Edens. Auf dem mit Hundekot versehenem Gehsteig
latschte er prompt durch eine Pfütze und fand sich wieder in einer
der vielen, nach Abfall und Urin stinkenden Straßen- seiner
Ex-Geliebten-Heimatstadt.
Er befand sich mittendrin, im
unregelmäßig pulsierendem Herzen, der vom Chaos regierten
Großstadt. Hier, wo Pavels Geschichte nun zum zweiten Mal, und wohl
nicht zum letzten Mal begann, stand er vor dem Zigarettenautomaten,
stand er vor seinem Neuanfang, als er die Schachtel mit dem roten
Kreis vor weißem Hintergrund aus dem Schacht zog, als die Sonne in
seinem Kopf erschein.
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Pavel Tukovski
Pavel Turkovski - back in town (1)
Erster Teil
Erstes Kapitel
(1)
Es war der Tag, an dem er aus der
Psychiatrie entlassen wurde. Vor acht Tagen war sie sein aller, aller
letzter Zufluchtsort gewesen. Er konnte nichts anderes mehr tun, als
sich freiwillig einweisen zulassen.
Die Tage auf der Geschlossenen, ohne
Ausgangsberechtigung (ohne Hofgang, so wie er es spaßeshalber zu
sagen pflegte, so wie er sich mit ein wenig Humor, den Ernst der Lage
etwas erträglicher gestaltete) gingen schnell vorüber. Jenes
schutzwürdige Biotop war ihm von großer Bedeutung gewesen.
So näherte er sich Schritt für Schritt
der Unabhängigkeit. Es erschien ihm ein wenig paradox, denn er
wollte seine Freiheit zurückerlangen und wusste zugleich: „Ein
Jeder ist auf seine Art und Weise abhängig von irgendwem oder
irgendetwas.“
Auf der Station hatte er viel Zeit zum
Nachdenken gehabt. Zusehends erholte er sich von seinen
kräftezehrenden Eskapaden der vergangenen Wochen. Er konnte sich
erfolgreich, Tag für Tag ein wenig mehr von seiner Sucht, dem
pathologischen Haribo-Goldbärchen-Verzehr distanzieren und fand so,
den Weg zurück zu sich selbst.
Während des Aufenthalts in der Klinik,
hatte er sich sogar auf die Zeit danach vorbereiten können. Bis ins
Detail durchdacht konnte er direkt nach seiner Entlassung das
siebzehn Quadratmeter kleine Zimmerapartment-Paradies beziehen,
welches voll möbliert einem Leben im Wespennest glich.
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Pavel Turkovski - back in town (2)
Erster Teil
Erstes Kapitel
(2)
Angekommen. Wieder in der Freiheit, frei
von seinem Suchtmittel: den bunten Haribo Goldbärchen, erledigte er
zunächst viele aufgeschobenen Dinge. Er erledigte ein kleines, aber
dringliches Bankgeschäft. Bezahlte längst überfällige Rechnungen
und tätigte notwendige Einkäufe.
Auf dem Weg zurück in sein
vollmöbliertes Wespennest-Einzimmerapartment, vollbepackt mit zwei
schweren Supermarkttragetaschen, stellte er sich die Frage: „Wo
genau soll ich jetzt beginnen?“ Die leise Stimme in seinem
Kopf, die den Tinitus, seinen treuen Begleiter, nur leicht übertönte,
antwortete ihm prompt: „Na wo schon- natürlich am Anfang. Um
genau zu sein, am Anfang vom Ende.“
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Pavel Tukovski
Pavel Turkovski - back in town (3)
Erster Teil
Erstes Kapitel
(3)
Ein Leben am Rande der Existenz hatte
ihn bereits vor Jahren sehr stark abgehärtet. All die Schmach, die
Gedanken um all die komischen Fratzen, was sie wohl über ihn
dachten, ob sie wohl lachten, all dass war ihm nun gleichgültig
geworden. Vordergründig war nur noch der Schutz. Schutz vor sich
selber, vor der Versuchung. Schutz vor den bunten, kleinen
Teufelchen, den Haribo Goldbärchen.
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